Es ist Freitagabend. Die Adventszeit eilt dahin, ich ebenso, in den Lauben der Stadt. Ich komme wie so oft abends am Schweizer Hof vorbei, mit schnellem Schritt. Die Hektik der Mitmenschen hat sich auf mich übertragen, dies, obschon Wochenende ist, obschon ich jetzt eine Woche Ferien habe.
Dann höre ich ein Lied. Eines, das mir bekannt vorkommt, das mich beim zweiten Hinhören an meine Jugendzeit erinnert. „The bad touch“, von der Bloodhound Gang. Beim Vorbeigehen sehe ich: ein Strassenmusiker trägt es vor, am Boden sitzend, mit Gitarrenspiel.
Ich muss schmunzeln, wegen dem Lied, das auf diese Art vorgetragen, nur mit Gitarrenbegleitung, so ganz und gar nicht an diesen Ort passt, und dennoch oder gerade darum gerade perfekt ist. Die Eile ist verpufft, das Lied bleibt an mir hängen, auch als ich es nicht mehr hören kann. Es braucht wenig, um wieder auf den Boden geholt zu werden. Oder ist das Gegenteil der Fall, finde ich mich in einem Zustand der Entrücktheit wieder? – Egal, es fühlt sich gut an.
Seensucht II
Noch mehr See – diesmal aus dem Seeland.
Und wenn ich meinen Foto-Stream so durchschaue, könnte man tatsächlich meinen, ich sei seensüchtig 🙂
Durstig war die Stadt.


Verschwundene Abgründe und ein greifbarer Grund

Seit die Erde keine Scheibe mehr ist, gibt es einen Abgrund weniger.
Seensucht
Winterliche Wärme
Es ist Dezember. Der Zibelemärit ist vorbei, der Herbst ebenso. Und auch der Samichlouse-Tag ist passé. Und die warmen Temperaturen, jedenfalls vorerst. Wer weiss, wenig verwunderlich wäre es, wenn die Kälte wieder weichen würde.
Das Treiben in der Stadt ist so geschäftig wie sonst nie. Vor allem am Samstag sind die Lauben so gefüllt, dass das Vorwärtskommen eine Geduldsprobe sein kann. Alle sind warm verpackt. Die nahenden Weihnachtstage sorgen dafür, dass viele schon in Eile sind. Zum Glück sind da noch die Touristen, die sind da schon gemählicher, bilden einen Gegenpol, einen ausgleichenden. Will doch so vieles bestaunt und fotografiert und besucht werden. Und der heisse Glühwein will getrunken werden.
Schon früh wird es dunkel, doch die Weihnachtsbeleuchtung – ein Konstrukt aus nackten Glühbirnen – sorgt dafür dass die Gassen fast gar taghell erstrahlen. Die Einzelteile der Weihnachtsbeleuchtung sind erstaunlich trivial und hässlich anzusehen, aber vielleicht muss das so sein. Aufs Gesamtwerk schliesslich kommt es an.
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Obschon die Temperaturen nicht gerade zum draussen bleiben verlocken: es ist eine schwer zu beschreibende Wärme zu spüren und auch zu sehen (wenn auch nicht auf dem Thermometer). Vielleicht ist sie der vielen Leuten geschuldet, oder den zusätzlichen Lichtquellen. Vielleicht auch nicht. Vermutlich nicht. Die Wärme ist nicht greifbar, dennoch ziert sie sich nicht und lässt sich auch fotografieren.
Es ist eine schöne Wärme, eine, die keinen Schweiss verursacht. Sie breitet sich aus, ist ansteckend, doch ganz und gar ungefährlich.
Wohltuender Stillstand

Am Morgen auf dem Weg zur Arbeit sein, im Tram, welches häufiger stillsteht als fährt. Und man sich entscheiden muss, ob man das häufige Stillstehen ärgerlich findet oder ob daran gar Gefallen gefunden werden kann.
Jemand weiter hinten im Tram hat sich definitiv für erstere Variante entschieden; die Person stampft mit dem Boden fest auf den Boden, sodass man es im ganzen Tram hört – und auch draussen.
Vielleicht ist es die ältere Frau, welche ab und zu am Morgen unterwegs ist mit dem Tram, und wenn jenes eben mal nicht weiterfahren kann – was natürlich vorkommen kann, welches die belebte Innenstadt durchquert wird – so stampft die Frau energisch auf den Boden. Die Leute, die diese Angewohnheit nicht kennen, blicken dann immer verwundert zu ihr – zu ihr, die den normalen Alltagstrott von vielen durchbricht; zu ihr, die Leute aus der Routine bringt, von den Smartphones aufblicken lässt, von den Gratiszeitungen, ungewollt, ja, vermutlich nimmt sie dies alles gar nicht wahr. Nur, dass das auf Schienen befindliche Beförderungsmittel angehalten hat.
Wenn ich mich entscheide, zur Abwechslung bei der vorletzten Station auszusteigen und über die Brücke zu gehen, so höre ich manchmal aus einem vorüberfahrenden roten Tram das wohlbekannte Stampfen.
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Stillstehen, nicht im Sinne von Stagnieren oder als etwas dauerhaftes – das kann etwas Schönes sein. Man kann innehalten, wahrnehmen. Auch bei Orten, die man schon kennt, oder gerade bei solchen Orten kann das sehr spannend sein, aufschlussreich oder beruhigend. Und gerade im Winter im warmen, gerade nicht fahrenden Tram zu sitzen und nach draussen blicken ist etwas angenehmes, man nimmt dasjenige, das da draussen ist anders wahr, als wenn man dort bloss vorbeigeht, eventuell gar noch in Eile, oder im Gespräch mit jemandem. Hinaussehen durch das Fenster, den Menschen zusehen, die meisten sind einem unbekannt, manchmal jedoch sieht man ein vertrautes Gesicht. Der belebten Stadt einmal zusehen, als Unbeteiligter, als Beobachter.
Dafür muss man natürlich nicht im Tram sitzen, man kann auch draussen sein. Zum Beispiel beim Fotografien ist es zuweilen oder doch eher meistens erforderlich, dass man innehält, anhält. Auch darum mag ich es sehr, das Fotografieren.
Hier und weg sein

In einem der grossen Warenhäuser, mitten in der Stadt. Hier zu sein mag ich sehr. Die Weite der Regale und Wege, die Gelassenheit, die hier meistens vorherrscht und für mich nicht erklärbar ist, bedeutet Einkaufen doch für die meisten Menschen nur Hektik.
Seit kurzer Zeit gibts auch in diesem Warenhaus die Möglichkeit des Selber-Waren-einlesen-und-bezahlen. „Self-Checkout“, nennt sich das hier, glaube ich. Auf alle Fälle fühlt es sich viel effizienter an, Wartezeiten gibts nur noch ganz selten. Automatisierung eben. Dachte ich zuerst. Wobei das ja nicht stimmt, nicht eine Maschine nimmt dem Menschen die Arbeit ab, sondern ein anderer Mensch; die Kundin/der Kunde der Kassiererin/dem Kassierer.
Auch im Einkaufszentrum kann man den kleinen Freuden des Alltags frönen. So wähle ich manchmal beim Checkout-Automaten als Sprache eine andere als Deutsch aus, zum Beispiel Englisch, und sofort macht sich ein Gefühl von Internationalität breit in mir, ein Gefühl der Grenzenlosigkeit, als wäre ich irgendwo, nur nicht hier. Wobei ich das Hier-Sein nicht in Abrede stellen will! Es ist schön, hier zu sein. Jetzt noch im Untergrund, jedoch Minuten später draussen in der angenehmen, da nun wirklich nicht kalten Novemberluft. Diese Luft, die die Frage aufwirft, ob der Winter ein typischer, kalter sein wird oder doch eher nicht, und es wieder so sein wird in der letzen vierten Jahreszeit. Ein kalter, schneereicher Winter, das wünsche ich mir! Das gedankliche Entfliehen in südlichere Gefilde zum Beispiel wäre so um vieles kontrastreicher.
Lieblingsbuch: Kurkows „Die letzte Liebe des Präsidenten“

Generell lasse ich mir ungern DEN Lieblingstitel entlocken, sei es bei Filmen, CDs und so weiter. Gibt es doch so viele gute Werke!
Bei Büchern ists eigentlich nicht anders, ausser, dass ich da tatsächlich einen Lieblingstitel habe: „Die letzte Liebe des Präsidenten“ von Andrej Kurkow.
Eigentlich mag ich ja (fast) alle Bücher Kurkows, aber „Die letzte Liebe des Präsidenten“ ist einfach etwas besonderes. Und erst recht heutzutage.
Ein kurzer Abriss der Geschichte:
Das Leben von Sergej Pawlowitsch wird in „Die letzte Liebe des Präsidenten“ erzählt. Es wird immer wieder abgewechselt zwischen den verschiedenen Epochen; u.a. jene, in der Sergei die ersten Jahre des Erwachsenenlebens durchlebt, jene, in welchen er einen angenehmen Staats-Job hat und jener, in welcher er der ukrainische Präsident ist. Obschon ich nicht unbedingt Fan solcher Zeitsprünge bin, erzählt Kurkow recht geschickt auf diese Art und Weise; das Leben Sergej Pawlowitschs verdichtet sich so mehr und mehr für die Leserin/den Leser.
Sergei ist anfangs und auch später nicht gerade karierreorientiert, hat aber irgendwie immer Glück und erklimmt so seinen Weg bis zum höchsten Amt, jenes des Präsidenten. Obschon Glück habend, darf sich Sergej eigentlich stets immer mit Problemen herumschlagen (sonst wäre es ja auch langweilig!). Das hört auch nicht auf, als er Präsident ist, im Gegenteil. Lieblingsbuch: Kurkows „Die letzte Liebe des Präsidenten“ weiterlesen
Die Veränderung ist das einzige, was übrig bleibt. Und Mandarinen.
Im Laden. Ich habe bereits bezahlt, es geht noch darum meine Einkäufe einzupacken. Hierfür hat man in vielen Läden der grossen Detailhandelskaufhäuser die Wahl zwischen stabilen Papiertüten, und dünnen Plastiksäckchen. Ich erinnere mich an Zeitungsberichte darüber, dass die Plastiksäckchen, die gratis zu beziehen sind, verboten sollen werden. Und an einen erst kürzlich gelesenen Artikel, der besagt hat, dass eigentlich die Papiertaschen ökologisch weniger sinnvoll sind als die Plastiktütchen (wegen des Aufwands; der benötigten Menge an Wasser etc.)! Ich frage mich, wie das in der Prä-Internetzeit war. Damals lasen die meisten Leute eine oder vielleicht zwei Tageszeitungen. Zusätzlich vielleicht noch eine Fachzeitschrift, und vielleicht noch eine Illustrierte. Und was wir uns heute antun mit Lesen! Doch von antun kann ja keine Rede sein, eigentlich. Im Gegenteil; ist Lesen doch so etwas schönes, egal, ob es sich um ein anspruchsvolles Buch handelt oder einen etwas fragwürdigen Artikel aus einem Boulevardblatt. Ein anderer gelesener Text fällt mir auch noch ein, eine Bloggerin hat sich vor ein paar Monaten darüber amüsiert (oder aufgeregt?), dass so viele Menschen die instabilen Plastiktüten vorziehen beim Einkaufen, anstatt läppische 30 Rappen für die Papiervariante auszugeben. Just in dem Moment höre ich ein Geräusch; der Mann, der vor mir war in der Reihe und immer noch daran ist, seine ergatterte Ware mitnahmebereit zu machen, gehört augenscheinlich zum Typ Mensch, der die durchsichtigen Plaktiksäckchen bevorzugt, hat er doch einige solche gefüllt – wobei eines der Säckchen nun gerissen ist! Mandarinen kullern über den Boden.




