Gesammelte Zug-Momente

Der Zuganschieber

„Geits mitem Snowboard?“, fragt eine junge Frau im Abteil hinter uns.
Ein älterer Mann antwortet: „Ja, ja“. Und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Aber i finges super, dasder gfragt heit.“

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Lautsprecher-Durchsage, kurz vor Thun.
„Lokführer privat oder im Dienst wird gesucht. “

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Es isch scho nach Mitternacht, uf dr Strecki Züri-Bärn.
Eini zu eim: „Ligt er äch scho im Koma, odr isch r äch scho im Koma?“

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Es Ching zur Mueter:
„We ds Bundeshuus brönnt, chöme tuusegi Füürwehre!“

Die Metro-Münze

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Als ich letztes Jahr aus Russland zurückkam, blieb eine Münze, die zur Benutzung der Metro in St. Petersburg benutzt werden kann, übrig. Eigentlich nichts spezielles, doch für mich hatte das runde Scheibchen – und hat immer noch – eine spezielle Bedeutung. War doch die Russland-Reise bereichernd, eindrucksvoll, und obwohl ich nicht abergläubisch bin, wurde die Münze eine Art Glücksbringer für mich.
Als mir in diesem Sommer das Portmonee in Berlin geklaut worden ist, war die Münze interessanterweise, wohl dank glücklicher Umstände nicht mit im Portmonee, sondern zuhause in der Schweiz, und ist darum unverändert bei mir.

Auch dank der unscheinbaren Münze denke ich immer wieder an Russland, an die Menschen dort, an die russische Mentalität, aber natürlich auch die U-Bahnen.

Als ich neulich gelesen hatte, dass in Russland ebenjene Metro-Münzen in St. Petersburg gehortet werden, löste das sofort etwas aus in mir. Hat man doch andere Gefühle für ein Land, für eine Stadt, wenn man dort war und mit den Menschen in Kontakt war.
Und nie hätte ich gedacht, dass die kleinen, für wenig Rubel erhältlichen Metro-Münzen eine solche Bedeutung, auch medial, erhalten werden.

vom Sein in der Stadt

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Abend. Es ist schon dunkel. Im Bus, es geht Richtung Bahnhof. Ich sitze hinter der Fahrerkabine, die Sicht nach vorne ist daher versperrt.
Links, durchs Fenster hinaus sehe ich einen teuer aussehenden BMW, zwei Personen sind darin, Mann und Frau, beide sitzen vorne. Gut verpackt in dicken Jacken, passend zum kalten, und regnerischen Wetter, das da draussen vorherrscht.
Etwas weiter vorne, auch links, an der ehemaligen Fleisch-Fabrik angebracht, ist ein Plakat. Etwas von Volk und glücklich steht da geschrieben. Und von Jesus und Gott. An den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht. Es ist eins dieser Bibel-Werbe-Plakaten, in gelb und blau gehalten. Den Farben der Ukraine. Ob ich den letzten Satz vor zwei Jahren auch schon geschrieben hätte? Wusste ich damals überhaupt, wie das Wappen der Ukraine aussieht? – Wohl eher nicht, muss ich zugeben.
Aus den Lautsprechern der Fahrerkabine tönt „One night in Bangkok“, das Original, von Murray Head. Älter als ich ist das Lied, aber zeitlos. Zeitlos, unsterblich. Lieder können so sein, wir Menschen nicht. Jedenfalls nicht unsere Physis.
So vieles, das wahrgenommen werden kann in der Stadt. Wenn man will, (und auch, wenn nicht). Man kann es in beschränkter Form steuern, das mit dem Wahrnehmen. Man kann sich von der Welt abkapseln, Ohrstöpsel einsetzen, oder Kopfhörer überstülpen, sich voll und ganz der Zeitung, dem Natel, oder einem Buch widmen. Oder aber man kann die Welt oder zumindest das Geschehen um einen herum in sich aufnehmen, ja gar aufsaugen. Sich darüber freuen, oder ärgern, daraus lernen. Das In-der-Stadt-sein ist immer wieder ein Erlebnis. Auch wenn man nur vorhat, alltägliches zu erledigen. Sei es wegen Gesehenem, oder auch wenn man selber in etwas eingebunden wird. Etwa ein unerwarteter Dialog, ein Angelächelt-werden, ein unvorgesehenes Ereignis – die Spannbreite der Möglichkeiten ist so unendlich gross. Die Stadt weiss immer wieder zu überraschen.

verpuffte Eile

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Es ist Freitagabend. Die Adventszeit eilt dahin, ich ebenso, in den Lauben der Stadt. Ich komme wie so oft abends am Schweizer Hof vorbei, mit schnellem Schritt. Die Hektik der Mitmenschen hat sich auf mich übertragen, dies, obschon Wochenende ist, obschon ich jetzt eine Woche Ferien habe.
Dann höre ich ein Lied. Eines, das mir bekannt vorkommt, das mich beim zweiten Hinhören an meine Jugendzeit erinnert. „The bad touch“, von der Bloodhound Gang. Beim Vorbeigehen sehe ich: ein Strassenmusiker trägt es vor, am Boden sitzend, mit Gitarrenspiel.
Ich muss schmunzeln, wegen dem Lied, das auf diese Art vorgetragen, nur mit Gitarrenbegleitung, so ganz und gar nicht an diesen Ort passt, und dennoch oder gerade darum gerade perfekt ist. Die Eile ist verpufft, das Lied bleibt an mir hängen, auch als ich es nicht mehr hören kann. Es braucht wenig, um wieder auf den Boden geholt zu werden. Oder ist das Gegenteil der Fall, finde ich mich in einem Zustand der Entrücktheit wieder? – Egal, es fühlt sich gut an.

Winterliche Wärme

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Es ist Dezember. Der Zibelemärit ist vorbei, der Herbst ebenso. Und auch der Samichlouse-Tag ist passé. Und die warmen Temperaturen, jedenfalls vorerst. Wer weiss, wenig verwunderlich wäre es, wenn die Kälte wieder weichen würde.
Das Treiben in der Stadt ist so geschäftig wie sonst nie. Vor allem am Samstag sind die Lauben so gefüllt, dass das Vorwärtskommen eine Geduldsprobe sein kann. Alle sind warm verpackt. Die nahenden Weihnachtstage sorgen dafür, dass viele schon in Eile sind. Zum Glück sind da noch die Touristen, die sind da schon gemählicher, bilden einen Gegenpol, einen ausgleichenden. Will doch so vieles bestaunt und fotografiert und besucht werden. Und der heisse Glühwein will getrunken werden.
Schon früh wird es dunkel, doch die Weihnachtsbeleuchtung – ein Konstrukt aus nackten Glühbirnen – sorgt dafür dass die Gassen fast gar taghell erstrahlen. Die Einzelteile der Weihnachtsbeleuchtung sind erstaunlich trivial und hässlich anzusehen, aber vielleicht muss das so sein. Aufs Gesamtwerk schliesslich kommt es an.

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Obschon die Temperaturen nicht gerade zum draussen bleiben verlocken: es ist eine schwer zu beschreibende Wärme zu spüren und auch zu sehen (wenn auch nicht auf dem Thermometer). Vielleicht ist sie der vielen Leuten geschuldet, oder den zusätzlichen Lichtquellen. Vielleicht auch nicht. Vermutlich nicht. Die Wärme ist nicht greifbar, dennoch ziert sie sich nicht und lässt sich auch fotografieren.
Es ist eine schöne Wärme, eine, die keinen Schweiss verursacht. Sie breitet sich aus, ist ansteckend, doch ganz und gar ungefährlich.

Hier und weg sein

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In einem der grossen Warenhäuser, mitten in der Stadt. Hier zu sein mag ich sehr. Die Weite der Regale und Wege, die Gelassenheit, die hier meistens vorherrscht und für mich nicht erklärbar ist, bedeutet Einkaufen doch für die meisten Menschen nur Hektik.
Seit kurzer Zeit gibts auch in diesem Warenhaus die Möglichkeit des Selber-Waren-einlesen-und-bezahlen. „Self-Checkout“, nennt sich das hier, glaube ich. Auf alle Fälle fühlt es sich viel effizienter an, Wartezeiten gibts nur noch ganz selten. Automatisierung eben. Dachte ich zuerst. Wobei das ja nicht stimmt, nicht eine Maschine nimmt dem Menschen die Arbeit ab, sondern ein anderer Mensch; die Kundin/der Kunde der Kassiererin/dem Kassierer.

Auch im Einkaufszentrum kann man den kleinen Freuden des Alltags frönen. So wähle ich manchmal beim Checkout-Automaten als Sprache eine andere als Deutsch aus, zum Beispiel Englisch, und sofort macht sich ein Gefühl von Internationalität breit in mir, ein Gefühl der Grenzenlosigkeit, als wäre ich irgendwo, nur nicht hier. Wobei ich das Hier-Sein nicht in Abrede stellen will! Es ist schön, hier zu sein. Jetzt noch im Untergrund, jedoch Minuten später draussen in der angenehmen, da nun wirklich nicht kalten Novemberluft. Diese Luft, die die Frage aufwirft, ob der Winter ein typischer, kalter sein wird oder doch eher nicht, und es wieder so sein wird in der letzen vierten Jahreszeit. Ein kalter, schneereicher Winter, das wünsche ich mir! Das gedankliche Entfliehen in südlichere Gefilde zum Beispiel wäre so um vieles kontrastreicher.