Es ist ja so eine Sache mit dem Winter. Vor einem Jahr, während der eigentlich kältesten Jahreszeit, gab es nur wenige wirklich fröstelnde Augenblicke. In diesem Winter ist es anders zum Glück, zumindest ab und zu. Es hat Schnee, der sich manchmal die Mühe macht, sich blicken zu lassen. Und auch kalt ist es, manchmal. In der Stadt hier merkt man es nur, wenn man sich von den Häuserreihen entfernt, und ungeschützt dasteht. Wenn man zurück zu den Lauben eilt, wo es windgeschützt ist und die warme Luft den grosszügig geheizten Geschäften entweicht, friert man auch in einer dünnen Winterjacke nicht.
Vorgestern, da sagte in der Stadt eine Frau zur anderen, feststellend, dass es gar keine Eiszapfen mehr gebe! Und sie hatte recht, trotz gelegentlichen Kälteeinbrüchen war es – hier im Unterland – nie solange kalt, dass Eiszapfen, Zeugen eines richtigen Winter und Beweis dafür zugleich, entstehen konnten. Doch siehe da, gestern machten die Vermissten ihre Aufwartung. Heute mögen sie schon wieder weg sein, da bin ich mir sicher, aber das macht nichts. Hauptsache, sie haben sich gezeigt, bewiesen, dass es sie noch gibt. Manchmal ist das nötig, das Beweisen einer Existenz. Nicht nur bei Eiszapfen.
ein neuer Tag

Es ist Sonntag, und circa halb sechs Uhr am Morgen. Ich bin endlich zuhause angelangt. Draussen schneit es. Eine dünne Schicht Neuschnee bedeckt die Strassen. Der Taxifahrer, der mich von der Stadtmitte nach Hause gebracht hat, stammt ursprünglich aus einem anderen Land, einem Land, in dem es nicht schneit, einem Land, das weiter unten im Süden zu finden ist. Das hat er mir verraten, und das hat man auch seinem Fahrstil angemerkt: er fuhr vorsichtig wegen des Schnees, mit Respekt, legte gar kurze Zwischenstopps ein.
Als ich im Schlafzimmer die Fensterladen schliesse, sehe ich, dass beim Eingang des Nachbarhauses ein Mann Schnee schaufelt. Ob dieser Mann, ebenso wie ich, gerade erst nach Hause gelangt ist? Vermutlich nicht.
Ein neuer Tag ist angebrochen, und das fühlt sich immer frisch an, so unverbraucht. Heute wird diese Frische vom Neuschnee noch verstärkt dargestellt, von dessen Unverbraucht- und Schönheit, die die Gegend aufhellen lassen obschon die Sonne sich noch nicht zeigt, und der alle Geräusche, sogar die der Autos ausblendet. Der neue Tag fühlt sich gut an, surreal, wie ich es mag.
Ich gehe schlafen.
Natürliches Vertrauen
Sehr gerne halte ich mich in Cafés in der Stadt auf. Sei es zum Schreiben, oder einfach zum Sein, um den Moment zu geniessen. In Cafés fühle ich mich geerdet, kann zur Ruhe kommen. Cafés können eine Oase sein, kräftebringend (nicht nur wegen der Koffeinzufuhr), ruhig, ehe man wieder Teil der lebendigen lauten Stadt wird.
Was mich immer wieder erstaunt, wie sorglos Leute plaudern in Kaffeehäusern. Was man, natürlich vorallem wenn man alleine im Lokal sitzt, mitbekommt, auch gerade hier in der Hauptstadt, ist immer wieder erstaunlich bis unglaublich. Hier trifft sich so eine manche, ein mancher, Politiker/in, Geschäfts- oder auch Privatpersonen mit seinesgleichen oder auch mit anderen.
Lauschen von Gesprächen, das gehört sich natürlich nicht. Doch manchmal, wenn etwas gerade in unmittelbarer Nähe besprochen wird, kann man einfach nicht weghören. Und das ist ja auch nicht schlimm – höchstens für den Mithörer selber. Man kann zum Beispiel unfreiwilliger Zeuge von Dialogen wütender Geschäftsmänner, die ganz und gar nicht zufrieden sind mit einer soeben beendeten Session des Grossen Rates, sein. Wir kennen alle solche Geschichten.
Ich finde es schön, dieses natürliche Vertrauen, das in Lokalen (natürlich nicht nur in Cafés) vorhanden ist. Man nimmt einfach an oder geht davon aus, dass allfällige Mithörer/innen Gehörtes nicht weiterverwenden oder gar missbrauchen. So sollte es sein.
Wenn ich die aktuelle Debatte anschaue, die im Netz herrscht, sieht es da bitterer aus. Ein Grundvertrauen der Internetnutzenden, vorallem den Behörden gegenüber, ist nicht mehr vorhanden – zu Recht, wie unter anderem Snowden bewiesen hat. Zumindest bei Teilen der Internetnutzenden ist das Vertrauen nicht mehr vorhanden, zerstört worden, so müsste der vorangehende Satz wohl angepasst werden. Und ein – wohl noch kleinerer – Teil unternimmt etwas dagegen (vorallem in in eigener Sache, in den allermeisten Fällen zumindest), zum Beispiel mit Verschlüsselung.
Wie schön wäre es, in einer Welt zu leben, in der es ein – gerechtfertigtes! – natürliches Vertrauen überall gibt – im Kaffeehaus, aber auch im Internet.
Unbekümmert zu sein, das ist doch etwas vom Schönsten.
Seifäblaterä
Seifenblasen sehe ich, leuchtende Seifenblasen.
Es ist Samstagnachmittag, es regnet, der Tag ist grau. Bis die gelben auffälligen Seifenblasen aufgetaucht sind. Und die sich dann als die Scheinwerfer des ankommenden Trams, genauer gesagt als deren Spiegelung auf der Glasscheibe des geschützten Unterstands bei der Haltestelle, an der ich warte, entpuppen.
Geschichten
Auf dem Weg zur Arbeit. Es ist Dienstag, nach acht Uhr, und nicht Ferienzeit. Das merkt man, weil Sitzplätze Mangelware sind.
Zwei ältere Frauen, die es geschafft haben, je einen der begehrten Sitzplätze zu ergattern, plaudern über vergangene Zeiten. Dann, beim Kocher Park, entdecken sie jemanden draussen auf dem Gehsteig, eine Frau, etwas jünger als die beiden Tramreisenden. Es wird einander zugewunken. Die beiden älteren Frauen steigen auf, wollen aussteigen. Zwei Tramtüren sind in ihrer Nähe, beide etwa gleich nah entfernt von den Frauen. Vor einer der Türen steht niemand, vor der anderen eine junge Frau.
Die beiden Seniorinnen stehen hinter die junge Frau, die einen grünen Anorak trägt, das Tram hält an. Die junge Frau macht keine Anstalten auszusteigen – damit haben die beiden Seniorinnen wohl nicht gerechnet. Die Wartenden werden nicht bemerkt von der Jüngeren, von einem der anderen Mitpassagiere jedoch schon. Jener drückt auf einen grünen Knopf, um so zu verhindern, dass die Türen geschlossen werden und das Tram weiterfährt.
Eine der Seniorinnen scheint nach gefühlten Ewigkeiten (in Realzeit wohl eher nach zehn Sekunden) die junge Frau angetippt zu haben – vermute ich; jedenfalls bewegt sie die Frau im Anorak weg von der Tür, die beiden Frauen können aussteigen. Draussen bewegen sie sich in Richtung ihrer Bekannten, Richtung Gehsteig.
Das Tram fährt weiter.
Was die drei Frauen wohl für eine gemeinsame Geschichte haben. Und wieviele Geschichten es wohl zu erzählen gäbe von all den verschiedenen Personen, die sich noch im Tram aufhalten.
was fehlt
In einem beinah leeren Bus mitzufahren, ist in gewissem Sinne fast luxuriöser als die Fahrt in einer Stretch-Limo.
Nur eine gut gefüllte Minibar, die sucht man im Bus vergebens.
Gesammelte Zug-Momente
„Geits mitem Snowboard?“, fragt eine junge Frau im Abteil hinter uns.
Ein älterer Mann antwortet: „Ja, ja“. Und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Aber i finges super, dasder gfragt heit.“
***
Lautsprecher-Durchsage, kurz vor Thun.
„Lokführer privat oder im Dienst wird gesucht. “
***
Es isch scho nach Mitternacht, uf dr Strecki Züri-Bärn.
Eini zu eim: „Ligt er äch scho im Koma, odr isch r äch scho im Koma?“
***
Es Ching zur Mueter:
„We ds Bundeshuus brönnt, chöme tuusegi Füürwehre!“
Die Metro-Münze

Als ich letztes Jahr aus Russland zurückkam, blieb eine Münze, die zur Benutzung der Metro in St. Petersburg benutzt werden kann, übrig. Eigentlich nichts spezielles, doch für mich hatte das runde Scheibchen – und hat immer noch – eine spezielle Bedeutung. War doch die Russland-Reise bereichernd, eindrucksvoll, und obwohl ich nicht abergläubisch bin, wurde die Münze eine Art Glücksbringer für mich.
Als mir in diesem Sommer das Portmonee in Berlin geklaut worden ist, war die Münze interessanterweise, wohl dank glücklicher Umstände nicht mit im Portmonee, sondern zuhause in der Schweiz, und ist darum unverändert bei mir.
Auch dank der unscheinbaren Münze denke ich immer wieder an Russland, an die Menschen dort, an die russische Mentalität, aber natürlich auch die U-Bahnen.
Als ich neulich gelesen hatte, dass in Russland ebenjene Metro-Münzen in St. Petersburg gehortet werden, löste das sofort etwas aus in mir. Hat man doch andere Gefühle für ein Land, für eine Stadt, wenn man dort war und mit den Menschen in Kontakt war.
Und nie hätte ich gedacht, dass die kleinen, für wenig Rubel erhältlichen Metro-Münzen eine solche Bedeutung, auch medial, erhalten werden.
Zugriffsirgendwas
Anstelle von ‚Zugriffsberechtigungen‘ schreibe ich zuerst ‚Zugriffbenötigungen‘, dann ‚Zugriffsberichtigungen‘. Wenn der Wurm mal drin ist … 🙂
vom Sein in der Stadt
Abend. Es ist schon dunkel. Im Bus, es geht Richtung Bahnhof. Ich sitze hinter der Fahrerkabine, die Sicht nach vorne ist daher versperrt.
Links, durchs Fenster hinaus sehe ich einen teuer aussehenden BMW, zwei Personen sind darin, Mann und Frau, beide sitzen vorne. Gut verpackt in dicken Jacken, passend zum kalten, und regnerischen Wetter, das da draussen vorherrscht.
Etwas weiter vorne, auch links, an der ehemaligen Fleisch-Fabrik angebracht, ist ein Plakat. Etwas von Volk und glücklich steht da geschrieben. Und von Jesus und Gott. An den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht. Es ist eins dieser Bibel-Werbe-Plakaten, in gelb und blau gehalten. Den Farben der Ukraine. Ob ich den letzten Satz vor zwei Jahren auch schon geschrieben hätte? Wusste ich damals überhaupt, wie das Wappen der Ukraine aussieht? – Wohl eher nicht, muss ich zugeben.
Aus den Lautsprechern der Fahrerkabine tönt „One night in Bangkok“, das Original, von Murray Head. Älter als ich ist das Lied, aber zeitlos. Zeitlos, unsterblich. Lieder können so sein, wir Menschen nicht. Jedenfalls nicht unsere Physis.
So vieles, das wahrgenommen werden kann in der Stadt. Wenn man will, (und auch, wenn nicht). Man kann es in beschränkter Form steuern, das mit dem Wahrnehmen. Man kann sich von der Welt abkapseln, Ohrstöpsel einsetzen, oder Kopfhörer überstülpen, sich voll und ganz der Zeitung, dem Natel, oder einem Buch widmen. Oder aber man kann die Welt oder zumindest das Geschehen um einen herum in sich aufnehmen, ja gar aufsaugen. Sich darüber freuen, oder ärgern, daraus lernen. Das In-der-Stadt-sein ist immer wieder ein Erlebnis. Auch wenn man nur vorhat, alltägliches zu erledigen. Sei es wegen Gesehenem, oder auch wenn man selber in etwas eingebunden wird. Etwa ein unerwarteter Dialog, ein Angelächelt-werden, ein unvorgesehenes Ereignis – die Spannbreite der Möglichkeiten ist so unendlich gross. Die Stadt weiss immer wieder zu überraschen.



