Geschichten

Auf dem Weg zur Arbeit. Es ist Dienstag, nach acht Uhr, und nicht Ferienzeit. Das merkt man, weil Sitzplätze Mangelware sind.
Zwei ältere Frauen, die es geschafft haben, je einen der begehrten Sitzplätze zu ergattern, plaudern über vergangene Zeiten. Dann, beim Kocher Park, entdecken sie jemanden draussen auf dem Gehsteig, eine Frau, etwas jünger als die beiden Tramreisenden. Es wird einander zugewunken. Die beiden älteren Frauen steigen auf, wollen aussteigen. Zwei Tramtüren sind in ihrer Nähe, beide etwa gleich nah entfernt von den Frauen. Vor einer der Türen steht niemand, vor der anderen eine junge Frau.
Die beiden Seniorinnen stehen hinter die junge Frau, die einen grünen Anorak trägt, das Tram hält an. Die junge Frau macht keine Anstalten auszusteigen – damit haben die beiden Seniorinnen wohl nicht gerechnet. Die Wartenden werden nicht bemerkt von der Jüngeren, von einem der anderen Mitpassagiere jedoch schon. Jener drückt auf einen grünen Knopf, um so zu verhindern, dass die Türen geschlossen werden und das Tram weiterfährt.
Eine der Seniorinnen scheint nach gefühlten Ewigkeiten (in Realzeit wohl eher nach zehn Sekunden) die junge Frau angetippt zu haben – vermute ich; jedenfalls bewegt sie die Frau im Anorak weg von der Tür, die beiden Frauen können aussteigen. Draussen bewegen sie sich in Richtung ihrer Bekannten, Richtung Gehsteig.

Das Tram fährt weiter.

Was die drei Frauen wohl für eine gemeinsame Geschichte haben. Und wieviele Geschichten es wohl zu erzählen gäbe von all den verschiedenen Personen, die sich noch im Tram aufhalten.

wir sind alle anders

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Es gibt Kinofilme, die mag ich. Sehr. Manchmal denke ich aber: die meisten andern würden diesen Film nicht mögen.
Es sind spezielle Filme, Filme, die ich speziell mag. Über die schlechte Rezensionen verfasst werden. Manchmal. Manchmal aber auch nicht, manchmal fallen die Rezensionen gut bis sehr gut aus.
Nach dem Lesen dieser Worte taucht sicher unwillkürlich die Frage auf, an was für Filme ich denke.
Bewusst möchte ich keine Titel nennen. Es geht nicht um Namen, einzelne Werke. Eigentlich auch nicht um die Filme. Sondern unter anderem um Vorlieben. Die jede und jeder von uns hat. Die sich auch bei Filmen, Büchern, Musik-Alben etc. pp. zu Worte melden. Vorlieben, die Einfluss nehmen. Ob wir es wollen, oder auch nicht. Aber nicht nur Vorlieben. Es geht auch darum, was wir erlebt haben. Um unsere Geschichte, nicht nur jene des Films. All das, das wir er- und durchlebt haben, prägt uns. Entscheidet mit, wie wir etwas finden. Und macht uns alle einzigartig. Und unsere Geschmäcker. Unsere eigene Geschichte entscheidet mit, was für Geschichten wir mögen.