
Schlagwort: Bern
overload
Trams und Busse – sie fahren nicht mehr.
Ich merke es, als ich nach dem Arbeiten bei der nahen Bushaltestelle Menschentrauben sehen.
Dasselbe bei der Tramhaltestelle.
Auf der Infoanzeige stehen da, wo normalerweise Ankunftszeiten ersichtlich sind, nur Strichzeichen vor und nach dem Doppelpunkt, verheissungsvoll.
„Verkehrsüberlastung“ steht da als Grund für das Nicht-Fahren.
Das kommt hier in der Hauptstadt selten vor. Kleine Staus gibts zwar immer wieder in der Rush hour, aber verglichen mit anderen Städten sind die hiesigen stehenden Fahrzeugschlangen normalerweise nicht der Rede wert, und auch schnell wieder aufgelöst.
Es ist ein schöner klarer Abend, die Entscheidung, zu Fuss ins Stadtzentrum zu gehen, fällt daher leicht.
Die Brücke, die über die Aare in die Stadt führt, trägt mehr Leute als sonst.
Ich sehe Gesichter, die ich nur selten sehe.
Einmal bin ich nicht sicher, ob ich diese eine junge Frau wirklich kenne. Und wenn ja, woher.
Dass sie mich kennt, verrät mir schnell das Lächeln auf ihrem Gesicht.
Die Stimmung unter den Wandernden ist trotz fehlenden Transportfahrzeugen nicht gereizt.
Eher im Gegenteil, sogar etwas Ausgelassenheit ist zu spüren.
Kein Wunder: es ist Herbst, es ist sonnig, gerade noch, und nicht allzu kalt.
Und Freitagabend.
Kalifornier in Bern

Bild: Venice Beach, 2010
Schon oft habe ich mich gefragt, wie ich meine Wahlheimatstadt, Bern, wahrnehmen würde, wenn ich ein Tourist wäre, in einem anderen Land wohnen und Bern besichtigen würde.
Natürlich werde ich nie erfahren, wie meine Wahrnehmung, meine Eindrücke in einem solchen Fall sein würden.
Dafür aber hatte ich neulich wieder einmal die Möglichkeit, zu erfahren, wie Touristen „meine“ Stadt sehen.
Ich bin nämlich einem älteren Ehepaar aus Kalifornien begegnet, welches das Naturhistorische Museum gesucht hat. Dabei entstand ein Gespräch, in welchem ich erfahren durfte, wie das Paar Bern erlebt:
Das Wetter: in Kalifornien sei es doch recht heisser, und über 330 Sonnentage hätten sie! Ich erklärte, dass es hier im Sommer normalerweise auch schöner und wärmer sei – der aktuelle Sommer sei aber leider schon von sehr viel Niederschlag geprägt.
Sehr sehr sauber sei es hier. Besonders gestaunt hätten sie, als sie auf der Strasse einen Mann gesehen haben, der auf der Strasse mit einer Greifzange Müll aufgesammelt habe – in Amerika würden die Strassen mit Reinigungswagen sauber gehalten.
Generell gefalle es ihnen hier sehr – nur diese Raucher überall! Das sei schon störend. Und,wie man es von Amerikanern vielleicht erwarten mag, wurde erklärt, dass man in Amerika schon weitgehend erkannt habe, dass Rauchen schädlich sei. Meine, vielleicht etwas lapidare, Antwort war, dass es in anderen Ländern doch extremer sei. Viele andere zusätzliche Antworten lagen mir auf der Zunge – Amerika und Gesundheit … – da liesse sich doch einiges sagen, doch manchmal ist Schweigen Gold.
Das Paar zuckelte dann davon, mit der schliessenden Bemerkung, dass die Museen hier ein bisschen länger geöffnet sein dürften. Dennoch, sie waren zufrieden.
Ich auch. Ich bin gerne hier.
nah am Wasser
Samstagabend.
Die Hauptstadt bereitet sich vor auf ein mögliches Hochwasser.
Aufgrund des vielen Regens in der letzten Zeit sind die Seen voll, die Abflussmenge aus dem Thunersee muss erhöht werden.
Als ich unten ankomme bei der Aare, könnte man meinen, etwas sei passiert. Überall Polizistinnen und Polizisten – bei Kreuzungen stehend, aber auch unterwegs in Polizei- und Zivilwagen.
Auf den Strassen, welche direkt an der Aare sind, liegen riesige orange röhrenförmige mit Wasser gefüllte Gebilde (mit Wasser gefüllt; so stehts es zumindest später im Internet auf einem News-Portal), die aussehen wie zu gross geratenes aufblasbares Pool- oder Badi-Equipment. Doch die Existenz der orangenen Undinger ist ein ungleich ernsterer. Soll doch damit wohl verhindert werden, dass die Wassermassen die Strassen überfluten.
genug

Eine ältere Frau spricht im Bus eine andere, wohl etwas jüngere Frau an. Grund des Ansprechens ist die Station, an welcher die Frau raus muss.
Die ältere Frau verrät, dass sie nämlich nicht mehr lesen könne, da ihre Sehkraft so stark zurückgegangen ist.
Die Andere fragt, ob denn da nicht eine Brille abhilfe schaffen könne, denn: „Man muss doch lesen können!“
Die Antwort darauf: „Ich habe genug gelesen.“
Grand Prix Bern, 10. Mai 2014
Die Stadt erwacht …
… und wird aufgefüllt.

Der gelbe Schirm
Der Frühling ist in der Stadt. Ausnahmsweise regnet es nicht.
Ein paar Tastenschläge und der Computer verrät mir, dass es draussen 12 Grad warm ist.
Früher erhielt ich dieselbe Information von einem Thermometer, welches die Gradanzeige von einem Sensor auf dem Balkon erhielt. Die Batterie des Sensors ist leer. Ersetzt wurde der Stromspender nicht, da es ja heutzutage nützliche Wetter-Apps gibt – wobei ich insgeheim bezweifle, dass die Genauigkeit mit dem Aussenthermometer mithalten kann.
Nicht ohne den leichten Mantel und die Kamera zu vergessen, verlasse ich die Wohnung. Ein Tram bringt mich in die Stadt. Es ist Nachmittag, und aufgrund des bereits tiefen Sonnenstandes bleibt das meiste Licht an den Dächer der Häuser hängen. Ich gehe durch die Stadt, gelange dorthin, wo die Häuser weniger dicht nebeneinander stehen.
Die Sehenswürdigkeiten der Stadt schon kennend, fotografiere ich nicht die (verbleibenden) Bären unten an der Nydeggbrücke und auch nicht das ewig mit einem Gerüst verkleidete Münster. Ich fotografiere Touristen, die scharenweise in Bussen hergebracht werden. Und Details, wie z.B. die roten Hände, die an der Unterseite eines grünen Dachs angemalt worden sind. Und einen gelben Schirm der beim Auffangnetz an der Münster-Plattform eine vorläufige Endstation erreicht hat. Und einen Jungen, der rastlos vor dem Matte-Lift auf und ab geht, die Hände hinter dem Rücken, darin befindlich das oft gesehene Telefon mit dem Apfellogo.
Ich frage mich, was den Jungen so unruhig macht. Auf die Frage werde ich keine Antwort erhalten.
Auch die Frage, wie der gelbe Schirm ins Auffangnetz gelangt ist, wird unbeantwortet bleiben.


















