Der Ferrari-Mann und ich

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Bild: Berlin, Sommer 2014

Es ist Ende September, und Sonntag, und der Abend hält langsam aber sicher Einzug. Ich sitze im Bus, heisse Marroni essend. Der Bus hält an, wegen einer roten Ampel. Nicht nur das Ampellicht ist rot, sondern auch der Ferrari, der neben dem Bus hält. Der Fahrer des italienischen Sportwagens (dessen Verdeck trotz eher kühlen Temperaturen offen ist) trägt ebenso wie ich eine Sonnenbrille. Das ist aber so in etwa alles, das wir gemeinsam haben – vermutlich. Der Ferrari-Mann blickt grimmig drein. Ich nicht. Ich bin glücklich, entnehme der Papiertüte in meiner Hand noch eine weitere leckere, heisse Marroni.

Stockholm III

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Es ist neun Uhr abends, und ich bin gerade in der Innenstadt angekommen. Ich habe Hunger, und da die nächste Essbezugsmöglichkeit ein McDonald’s ist, begebe ich mich dorthin. Vor mir wartet ein Mann, auf seine Mahlzeit, vermutlich. Links neben mir ist der Essbereich. Ein Gitter wird heruntergefahren, der Essbereich damit unzugänglich gemacht. Der Mann vor mir zur Kassiererin, auf den nun abgesperrten Bereich hindeutend: „My wife is in there! And my kids!“

Düstere Welt

„Die Welt ist eine düstere!“, ruft ein Mann, inmitten des Trubels, der am Samstag hier so vorherrscht. Ich bin ganz erstaunt. Ich weiss nicht, wieso genau, ob wegen der Aussage, die so unerwartet kundgetan worden ist, oder über das so normale Aussehen des Mannes.

Das Asphaltinselchen

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Immer, wenn ich von der Stadt nach Hause fahre mit dem Velo, fahre ich bei einer bestimmten Ampel vorbei. Eine normale Ampel an einer normalen Strasse, nichts besonderes, auch das Aspaltinselchen, welches, etwas erhöht, zwischen Fussgängerstreifen und Strasse ist, gesäumt mit einem Bordstein, zieht nicht unbedingt Aufmerksamkeit auf sich. Doch: das Asphaltinselchen, mir fällt es  immer wieder auf, wenn Radfahrerinnen und Radfahrer vor mir an der Ampel halten müssen, wenn es als Fussstütze genutzt wird von Angehaltenen. Also, auch von mir, ab und zu.

Auch in der Stadt gibt es Inseln.

Wolken wirken nie unsicher oder gar ängstlich.

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Der Sommer hat sich entschieden, uns mit seiner Anwesenheit zu beehren. Tagsüber ist es zumeist warm, gleissend hell und ganz angenehm. Abends freue ich mich, wenn es mir gerade noch gelingt, zuhause zu sein bevor sich die Regenschleusen öffnen und die Gewitter aktiv werden. Sommergewitter eben, wie wir sie kennen und zuweilen auch mögen. Beim heutigen Stadt-Durchqueren wird die Stadt zurückverwandelt, der Frauenlauf ist vorbei. Die Wetter-App auf meinem Handy hat Gewitter verkündet ab 17 Uhr. Kurz vor 17 Uhr liegt auch tatsächlich etwas in der Luft, mindestens eine kräftige Prise Wind. Staub wirbelt durch die Gegend, und die mittlerweile nicht mehr von der Sonne beleuchtete Zähringerstadt wirkt mysteriös, und, als plötzlich Luftballons – ein jeder sich vom anderen unterscheidend in Form und Farbe – in die Luft steigen, hin und her wirbelnd, doch eindeutig Richtung Himmel, kommt eine fast gespenstische Stimmung auf. So schnell die Ballons plötzlich aufgestiegen sind, so schnell sind sie aus meinem Sichtfeld verschwunden. Es bleibt der Wind. Und die Wolken, die immer wieder neue Formationen wählen. Wären sie eine Armee, so würde ein Eindruck von Unsicherheit entstehen, bei soviel Neu-Anordnung, ja gar Ängstlichkeit könnte vermutet werden. Doch bei Wolken ist das anders. Wolken wirken nie unsicher oder gar ängstlich.

Schon fast Sommer

Fast Sommer

Die Tage sind länger und heller – wenn es nicht gerade wie aus Kübeln schüttet – ja, heller, so hell, dass es eigentlich nötig wäre, bei der Kamera die Blende etwas zu drosseln. Doch irgendwie wäre das schade, mit einer weniger offenen Blende zu fotografieren, zwar logisch und sicherlich am sinnvollsten, überbelichtete Bilder sind ja verpönt. Einen Filter, der etwas Licht vorenthalten würde, habe ich nicht dabei, wie meistens. Dafür die Sonnenbrille, die, da sie polarisiert ist, wunderbare Himmel aufzeigt. Wunderbare Himmel, die dann fotografiert werden, und wenn ich das gemachte Bild zuhause auf dem Bildschirm ansehe, sieht es viel langweiliger aus. Doch zum Glück lässt sich das anpassen, damit es so aussieht, wie in meiner Erinnerung. Diesen Anspruch habe ich beim Fotografieren; dass die fertigen Bilder so aussehen, wie ich das Sujet beim Abdrücken wahrgenommen habe. Das hat nicht immer nur mit der Realität zu tun; manchmal zwar schon, dann ist wie gesagt zum Beispiel verdunkeltes Sonnenbrillenglas im Spiel, manchmal aber auch ein nicht tatsächlich existenter Filter, ein gefühlsbasierter, der vielleicht nicht gerade rosa ist, aber eben auch nicht nur durchsichtig und farblos.
In der Stadt sind gefühlt viel mehr Touristen in der Stadt unterwegs als in vorherigen Jahren. Und auch viel mehr Strassenmusikantinnen und – musikanten gibt es, und sogar ein als Transformer maskierter Mann buhlt an den belebten Plätzen um Aufmerksamkeit.
Allmählich darf das eiskalte Gletscherwasser, das durch die Stadt fliesst, etwas versiegen, und der Fluss wärmer werden. Dann ist der Sommer da, und so, wie ich ihn mir wünsche.

Zürich

veins and pools

Früher konnte ich nicht allzuviel mit der hierzulande grössten Stadt anfangen. Das änderte sich, als ich vor geschätzt zehn Jahren ein Praktikum in Zürich absolvierte. (Unter anderem) merkte ich, dass Zürcher/innen den Berner-Dialekt mögen (erstaunlicherweise; ist der Züri-Dialekt in Bern doch – sagen wir einmal, nicht bei allen sehr beliebt). Und als ich die Stadt, die nur eine einstündige Zugfahrt von meinem Zuhause entfernt ist, näher kennenlernte, fand ich viele schöne Plätze, abseits der bekannten Bahnhofstrasse. Leicht erhöhte Plätze, von denen man einen tollen Ausblick auf die Häuser und die Menschen unten hatte, und Plätze am See. So mochte ich Zürich immer mehr; und störte ich mich früher die Anonymität Zürichs, so ist dies etwas, das ich heute mag an der Grossstadt. Wobei ich nicht weiss, ob diese Anonymität wirklich noch vorhanden ist, wenn man auch in Zürich wohnt, und viele Leute kennt. Sicherlich eher als in Bern, wo es schlicht weniger Ballungszentren hat. – Eine schlechte Angewohnheit, die ich habe: unweigerlich vergleiche ich Städte miteinander, im Wissen darum, dass das eigentlich nichts bringt. Doch trotzdem mache ich es immer wieder, und auch gerne. Zurück nach Zürich: so einzigartig die Stadt auch ist, und das ist sie meiner Meinung nach tätsächlich, ist auch hier an Ostern nicht viel los. Die Geschäfte sind geschlossen, natürlich, nur am Bahnhof kann man noch einkaufen. Die Strassen sind leerer als sonst, einzig Spaziergänger und Touristen lassen die Strassen nicht ganz verlassen aussehen. Der Züri-See verliert seine Anziehungskraft allem Anschein auch nicht während Feiertagen, an denen das Wetter zwar wunderschön klar ist, aber kalt. Ja, der See, er dient als Sujet unzähliger Kameras, und das zu Recht, zusammen mit den einzigartigen Wolkenformationen, wie gemacht für Postkartenbilder, und Schiffe transportieren Menschenmassen über das – noch – nicht badegeeignete Nass. Schön, diese Ruhe und Gelassenheit, die in der Stadt vorherrscht. Und doch bin ich froh, dass es meistens anders ist. Geschäftiges Treiben und ruhigere Zeiten, beides in abwechselnder Reihenfolge, das ist beides nötig. Wenn auch nicht unbedingt zu gleichen Teilen. Und nicht nur in Zürich.

skriptlos

stand here

Das Klebeband da auf dem Boden. Als wäre es die Markierung, wo jemand gestanden haben muss. Wie das bei Seifenopern so üblich ist. Oder zumindest ich das denke. Als ob das Leben, das wir als Leben kennen, nur eine Seifenoper ist. Wie mit dieser Erkenntnis wohl umzugehen ist, wäre? Zu erfahren, dass alles geskriptet ist, der Ausgang von allem bereits feststeht.
Beim zweiten Hinschauen, entdecke ich die Überreste eines Plakats, das da angeklebt gewesen sein muss. Und diese Vermutung durch meine Erinnerung bestätigt wird: Gestern, oder vorgestern, da ist mir dieses Plakat, an einem der wohl meist begangenen Orte in der Stadt – vor dem Bahnhof – aufgefallen – also nicht das, was darauf stand, sondern das Plakat an sich. Und ich habe mir überlegt, ob so ein Plakat wohl effektiv ist. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Und wie lange es da sein wird, ehe es jemand entfernt. Und wer das sein wird. Beantworten kann ich die Frage nicht. Entfernt worden ist das Plakat. Von wem, weiss ich nicht. Es ist mir egal. So egal, wie der Inhalt, der da beworben worden ist. Heutzutage muss einem vieles egal sein oder darf nicht interessieren. Ansonsten steckt man fest, bei all den Trivialitäten, denen man so begegnet oder begegnen kann. Wir möchten ja effektiv sein, das muss man, um vorwärtszukommen. Das mag zynisch oder einfach negativ tönen, so ist es aber nicht gemeint. Das Leben bietet uns heute so viel, dass man auswählen muss, mit was man sich befassen will. Ansonsten ist man orientierungslos. Steckt fest. Und trotzdem ist es gut, sich manchmal mit Trivialitäten zu befassen. Wenn man denn Trivialitäten als Trivialitäten bezeichnen will, sicherlich gibt es auch ein schöneres, passenderes Wort dafür.

~

Jedenfalls. Gut, ist das Leben nicht geskriptet. Oder wir es zumindest nicht wissen. Das Nicht-Wissen, manchmal ist das die Hauptsache.

~

Und morgen, da werden nicht einmal die Klebestreifen mehr zu sehen sein, dort vor dem Bahnhof. Das weiss ich.