Die Strassenfotografie und der Respekt

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Strassenfotografie (auf neudeutsch street photography) ist dieser Tage besonders hip.

Im Netz findet man zuhauf Bilder von sogenannten Strassenfotografinnen und -fotografen. Überall, auch im deutschsprachigen Raum haben Fotografierende die Strasse für sich entdeckt, sind Kameras doch zu günstigen Preisen erhältlich, und fast ein jeder ist mit einer Handykamera ausgestattet.

Immer wieder begegne ich der Aussage:

Echte Strassenfotografie beinhaltet nur ungestellte Sujets.

Diesem Satz stimme ich durchaus zu.

Aber ich habe Mühe mit Menschen, die jene Aussage ausnützen und damit rechtfertigen, alles und jede_n in jeder Situation zu fotografieren ohne um Erlaubnis zu fragen – auch im Nachhinein nicht. Auch in der Strassenfotografie gibt es meiner Meinung nach Grenzen und pietätlos aufzutreten ist hier leider besonders einfach.

Sogar im kleinen Bern ist die Strassenfotografie mittlerweile angekommen, und ich bin auch schon (mindestens) einmal (ungefragt) fotografiert worden. Ich habe dann den Fotografen gefragt, ob er mich fotografiert habe. Der Angesprochene hat irgendwie erwischt gewirkt und die Frage mit einem „Nein“ beantwortet. Ich bin dann weitergegangen, eine andere Option gab es für mich in dem Moment nicht wirklich.

Was ich mir wünsche bei der Strassenfotografie, ist, dass vor dem Auslösen manchmal folgende Überlegung gemacht würde:

Wie wäre es, wenn die Rollen vertauscht wären, und ich anstelle des Fotografen die Sujetperson wäre? Würde es mir etwas ausmachen, in dem Moment ungefragt fotografiert zu werden? Hätte ich Mühe damit, mein Foto später im Internet oder sonstwo zu finden?

Ich denke, solche Überlegungen können dazu führen, dass die Strassenfotografie etwas respektvoller, weniger penetrant angewandt wird.

18 Gedanken zu „Die Strassenfotografie und der Respekt“

  1. Sehr gute und sehr wichtige Gedanken in einer Zeit, in der Privatsphäre einer fatalen Inflation unterworfen wird. Vielleicht sollte man sich selbst öfter in Erinnerung rufen, dass ein falsches Tun nicht dadurch richtiger wird, dass alle anderen es auch machen.

  2. Danke für Deine Gedanken – das ist ganz wichtig.

    Zumindest was die Pressefotografie anbelangt, ist das auch rechtlich geregelt: Wenn eine Person deutlich erkennbar ist, dann braucht es ihr Einverständnis für eine Veröffentlichung. Es gibt ein Recht am eigenen Bild, und das sollte respektiert werden. Ganz schlimm finde ich es, wenn die Leute dieses Recht auch bei Kindern ignorieren – die brauchen noch vielmehr Schutz und Privatsphäre.

  3. Eine sehr gute Idee, vor dem Auslösen einmal über vertauschte Rollen nachzudenken.
    Für mich ist das abschreckendste Beispiel der hochgelobte (Mitglied bei Magnum!) Bruce Gilden. Auf youtube gibts Videos, die ihn „in action“ zeigen.
    Ich finde seine Art widerlich und unwürdig für die „Portraitierten“, wie sie überrumpelt und vor allem hinterher dargestellt werden.
    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

  4. Ich bin mit viel Freude Straßenfotograf. Deine Überlegungen sind bedenkenswert, vermischen aber zwei Gesichtspunkte: Den künstlerischen mit dem juristisch/politischen Aspekt. Beide Aspekte gehören unterschiedlichen Zusammenhängen an. Betrachtet man die Straßenfotografie künstlerisch, dann gelten ästhetische und geschmackliche Kriterien. Alles andere ist Sache der Debatte um Öffentlichkeit und das Recht aufs eigene Bild. Ich bevorzuge den künstlerischen Aspekt. Und so gesehen sind viele Straßenfotografien wahrlich nicht gelungen. Bruce Gilden möchte ich aber davon ausnehmen. Er macht trotz zweifelhafter Methoden sehr gute Bilder! Gruß – KUM

    1. Ich habe mir deine Galerie einmal angeschaut. Die Menschen behalten allesamt ihre Würde. Das gefällt mir. Sehr schöne Aufnahmen und häufig richtiggehend poetische Situationen hast du eingefangen. Deine Fotos haben mit dem „Stil“ von Bruce Gilden rein garnichts zu tun. Hoffentlich kannst du dir deine Art der Strassenfotografie bewahren.
      Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

      1. Schöner Einwand, Herr Ärmel. Vielen Dank! Ich bin sicher kein bedingungsloser Jünger von Bruce Gilden. Aber ich finde seine Bilder faszinierend. Sie zeigen den Stadtmenschen auf eine überzeugende Weise: Herausgestellt aus der Masse, herausgerissen aus dem immer gleiche Zeitstrom. Durch das Anblitzen zeigen die Leute atavistische Züge. Sie sind auf eine anthropologischen Konstanten zurückgeworfen, auf den Schreck. In einer urbanen Umgebung dominiert sonst der Gestus des Cool-Seins. Und genau den durchbricht Gilden. Er knackt die dünne Zivilisationsschale. Was ist daran falsch oder respektlos? War auch Otto Dix respektlos, der Menschen unverfroren, übersteigert und hässlich in ihren Milieus zeigte? Ist auch Martin Parr respektlos, der ebenfalls mit Blitz arbeitet, wenn auch aus anderen Gründen? Ist jemand, der statt mit dem Pinsel mit dem Spachtel malt, respektlos? Respekt ist keine ästhetische Kategorie. Als Journalist müsste Gilden diese Privatsphäre respektieren. Ja. Als Künstler ist der Respekt Teil einer sehr umfangreichen Reflexion über das, was man tut, was man ausdrücken möchte, was einen anfliegt. Gildens Bilder zerren interessanterweise an der Grenze zwischen Journalismus und Kunst. Da ist er ein Pionier (neben einigen anderen, wie Mark Cohen beispielsweise). Herzlichen Gruß – KUM

  5. Danke für den Kommentar, KUM.
    Auch ich fotografiere mit Freude auf der Strasse.

    Ich muss dir widersprechen, was das Vermischen der Gesichtspunkte angeht: den juristischen/politischen Aspekt habe ich bewusst aussen vor gelassen, darauf gehe ich im Artikel gar nicht ein – obschon das für mich auch ein wichtiges Thema ist, aber auch ein komplexes; gelten doch in fast jedem andere Gesetze.

    In meinem Beitrag geht es um Respekt, wie schon der Titel sagt.
    Und Bruce Gilden scheint in meinen Augen keinen grossen Respekt vor den Menschen zu haben, die er mit doch fragwürdigen Methoden ablichtet. Den Leuten einfach so ins Gesicht blitzen, das finde ich einfach schlimm. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie ich mich an der Stelle eines solchen „Blitzopfers“ fühlen würde. Und dann noch das Bild, auf welchem man unvorteilhaft abgelichtet ist, irgendwo veröffentlicht zu sehen …

    Du sagst, dir ist der künstlerische Aspekt wichtiger als das Recht auf das eigene Bild.
    Mir ist der künstlerische, ästhetische Aspekt natürlich auch wichtig (darum geht es ja hauptsächlich), dennoch versuche ich mich an Richtlinien – einerseits an ethische, aber auch an juristische zu halten. Und ich finde, auch unter Einhaltung solcher ethischen als auch juristischen Regeln kann man durchaus gute Strassenfotografie machen.

      1. Weisst du, auch ich finde die Bilder von Bruce Gilden faszinierend. Aber es geht nicht nur darum, wie ich ein Bild finde.
        Mir geht es auch um die fotografierten Menschen. Und wenn ich nun jemanden ungefragt fotografiere, der z.B. weint, verzweifelt ist, ich das Bild dann veröffentliche und vielleicht auch noch eine grosse Reichweite habe … dann kann das auch Folgen verschiedenster Natur haben für die fotografierte Person. Und ich persönlich könnte damit nicht leben.

        Respekt ist keine ästhetische Kategorie, sagst du. Das mag stimmen, aber dennoch finde ich, es ist doch nicht besonders viel verlangt, wenn man sich vor dem Fotografieren fragt, was für Konsequenzen das gemachte Bild für die abgelichtete Person haben kann.
        Bei der Strassenfotografie geht es nun mal meistens um Menschen, und man sollte auch deren Privatsphäre respektieren, finde ich.

        Kunst mag bedeuten, dass man manchmal Konventionen brechen muss, sicherlich. Das bedeutet für mich aber nicht, dass man sich im Namen der Kunst alles erlauben darf.

        Gruss aus Bern, Nicolas

  6. Im Prinzip verstehen wir uns schon. Einzig besteht, um dein beispiel zu zitieren, zwischen Otto Dix (lebte er denn noch) und dem Gilden ein gravierender Unterschied. Bei dem Portrait eines Malers sitzt das Modell als Objekt dem Künstler gegenüber, während Gilden mit seinen Überfällen auf Menschen ebenjene zu wehrlosen Subjekten seiner (Foto-)Jagd macht.
    Respekt ist sicherlich keine ästhetische Kategorie (wobei ich da vorsichtig wäre, auch denkende Reflexion muss nicht frei von Ästhetik sein)), aber eine moralische Kategorie allemal. Und die Reflexion, die du diesem Fotografen unterstellst, der schliesse ich mich, nach allem, was ich von Gilden auch und gerade in Filmen gesehen und gehört habe, keinesfalls an. Würde er mich auf diese Weise anfallen, würde ich ihm gegenüber auf seine Weise reagieren: Ich würde ihm eine reinhauen.
    Dir einen schönen Abend

    1. Lieber Herr Ärmel! Lieber Nicolas!

      Schön, dass wir hier so diskutiert haben. Danke für eure ausführlichen Antworten. Lasst es mich mit der ästhetischen Kategorie noch mal so sagen:

      Fotografen können aufdringlich sein. Und manchmal müssen sie das auch sein. Denn verzweifelte Menschen zu zeigen, ist nicht immer frevelhaft. Journalistisch gesehen, ist es sogar geboten. Ich denke da an die einschlägigen Bilder aus dem Vietnamkrieg oder aktuell aus Gebieten, in denen Naturkatastrophen die Menschen hart getroffen haben.

      Wir sollten uns nicht hinter dem journalistischen Gestus verstecken, um irgendwie auch echt total voll krasse Straßenfotos zu machen. (Der beste Weg dahin, die Privatsphäre der Menschen zu missachten bzw. zu missbrauchen…) Ich halte imitiert kritisch gemeinte Bilder für geschmacklos. Und ich glaube, dass es oft gerade solche imitiert kritischen Hobbybilder sind, die jeden Respekt vermissen lassen.

      Ich bin kein Journalist, sondern Hobbyfotograf mit einem künstlerischen Hang zum guten Bild. Folgt man seinem künstlerischen Hang, dann bleibe ich dabei, dass solche (Profi-)Fotos faszinierend sind, die unsere Sehgewohnheiten dehnen und geltende handwerkliche Regeln brechen. Nicht im Namen der Kunst, sondern als Kunst. Hier ist alles erlaubt, egal wie bescheuert der Fotograf ist, der da dehnt und bricht. Ob er damit gelungenen Bilder produziert, steht deswegen natürlich noch nicht fest. Darüber entscheidet häufig er selbst, das Internet und/oder der Kunstbetrieb.

      Interessant ist hier im Hinblick auf die Straßenfotografie vielleicht, dass wohl niemand so viele Seh-Regeln und Fotografier-Methoden hervorgebracht hat wie Henri Cartier-Bresson. Das ist seine überragende Bedeutung. Auch für uns Hobbyfotografen. HCBs Bilder haben den Kanon der Straßenfotografie festgelegt. Solche Leute wie Gilden laufen auf ihre Weise dagegen Sturm. Dass er HCB Klischees reproduziert, kann man ihm nicht vorwerfen. Ich persönlich bin da als Hobbyfotograf nicht ganz so ehrgeizig und rabiat. Von HCB habe ich gelernt, auf Situationen zu achten. Von Gilden habe ich gelernt, nah ran zu gehen. Dafür muss ich aber nicht in Paris, New-Yotk, Neu-Delhi oder Nairobi gewesen sein. Und den Leuten ins Gesicht blitzen muss ich auch nicht. Auch wenn mir beides gelegentlich ganz lieb wäre …

      Es ist übrigens das gute Recht eines jeden, den Fotografen zu verprügeln, der ihm mit Leib und Blitz auf die Pelle rückt. Der „Pinkel“-Prinz von Hannover hat hier einschlägiges geleistet, wenn ihr euch daran erinnert. Er wurde daraufhin allerdings von einem Gericht zur Ordnung gerufen. 😉

      Herzlichen Gruß

      KUM

  7. Ja, der Prinz von Hannover … wobei es sich hier ja nicht um typische Strassenfotografie gehandelt hat 😉

    Herzlichen Dank allen für die Kommentare! Spannend, die Diskussion, die hier zustande kam.

    Einen schönen Abend allerseits, und nicht respektlos werden beim Fotografieren auf der Strasse 😉

    N.

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